Unfrisiertes

Unfrisiertes, Unreifes, Unüberlegtes

Archiv für September 2009

Smooth Jazz Festival Munich

Verfasst von unfrisiertes am September 8, 2009

(Es ist kein Zufall, dass hier fast nur noch was über Musik steht – neben dem Job komme ich nur noch alle Nase lang zum Politbloggen, und der Rest meines Lebens ist mit sehr privaten Dingen vollgestopft; Musik hören und zu Konzerten gehen passt aber noch rein und wird eben auch mit anderen geteilt…)

Also, ich habe mein letztes Wochenende in München verbracht. Anlass war das Smooth Jazz Festival, das zweite seiner Art in deutschsprachigen Ländern. Nun bin ich zwar ein großer Fan von Jazz, der mich bei meinen Hörgewohnheiten abholt und mich nicht dazu zwingt, schwarze Rollkragenpullover und Vollbart zu tragen, während ich an meiner Pfeife saugend ein nachdenklich-wissendes Gesicht mache. Aber zu seicht darf es mir dann doch nicht sein, und bei Smooth Jazz ist die Gefahr in dieser Richtung leider nicht klein. Zuckersüße Melodien über programmierten Beats, das ist nicht so mein Ding. auch wenn es „jazzy“ wirkt. Da bin ich durch Spyro Gyra verdorben: Die erlauben zwar auch einen leichten Zugang, hinter der zunächst glatt erscheinenden Oberfläche sind aber eine große Virtuosität und ein komplexes Arrangement verborgen.

Daher fuhr ich mit gemischten Gefühlen nach München. Zwei Namen der dort auftretenden Künstler waren mir bekannt: Rick Braun (wegen seines einigermaßen bekannten Albums mit Boney James) und natürlich Dave Koz. Vom Rest wusste ich nichts. Nach diesem Wochenende kann ich aber sagen: Es hat sich gelohnt. Nun ist Jazz schon sowieso eine Musik, die eigentlich erst live richtig zur Geltung kommt. Für Smooth Jazz aber trifft das noch mehr zu, jedenfalls aus meiner Sicht. Da ist kein Studio und kein Drumcomputer, sondern eine (übrigens grandiose!) Begleitband, da ist ein Publikum mit seinen Reaktionen, und da sind die anderen Festivalmusiker, die sich mit den gerade Auftretenden hin und wieder zusammen tun und eine neue Farbe ins bekannte Stück bringen. Legen die Smooth-Jazz-Musiker bei ihren CDs eher Wert auf Radiokompatibilität, können sie sich auf Konzerten ausgedehnte Soli und Spielereien mit Publikum und Kollegen leisten. Die großen Namen der Szene, die da in München auftraten (dass ich nur zwei davon kannte, zeugt von meiner Unkenntnis), ließen sich auch nicht lumpen und servierten ihre besten Hits. Da es sich um echte und gelernte Amerikaner handelte, fehlte es auch nicht an Showmanship. Kurzum: Man wurde bestens unterhalten und hatte viel Spaß.

Ein paar Plätze von mir entfernt saß ein wild fotografierender Schweizer, der mir alle Amis anzulabern schien, die nicht bei drei auf den Bäumen waren. Mittlerweile weiß ich, dass es sich da um den Peter Böhi handelte, dessen Verdienste um die Verbreitung von Smooth Jazz in Europa gar nicht überbewertet werden können. Unter anderem betreibt er das Internet-Radio SwissGroove. Dieser Peter Böhi hat auf SmoothVibes einen Bericht zum Festival geschrieben, der den Nagel auf den Kopf trifft. Fotos sind auch jede Menge dabei ;-)

Auf Youtube finden sich auch einige Videos von leider eher schlechter Qualität. Ein paar der besseren seien hier präsentiert, bevor ich zu meinen ganz individuellen Notizen komme…

Dave Koz (charming boy, der ;-) ):

Michael Lington (smooth, nicht wahr?):

Rick Braun & Richard Elliot (gar nicht so smooth…)

Steve Oliver & Michael Lington (bringen einen Klassiker):

Unfrisierte persönliche Notizen:

  • Richard Elliot ist relativ klein gewachsen und wurde beim Spielen immer noch kleiner, so dass meine Liebste nicht von der Idee abzubringen war, es müsse sich hier um einen Italiener handeln (Elliot ist gebürtiger Schotte).
  • Neben uns saß ein amerikanisches Männer-Pärchen, das der Show vom Samstag abend so absolut teilnahmslos zusah, dass ein vorbeikommender Arzt vielleicht Gesichtslähmung diagnostiziert hätte. Die einzigen Bewegungen der beiden mittelalten Herren bestanden im Blick auf die Uhr und den halbstündlich wiederholten Gängen zum Bierholen und -wegbringen (bei der Gelegenheit: Wer die 0,3-l-Weißbiergläser erfunden hat, verdient lebenslanges Deutschlandverbot). Meine Vermutung war, dass es sich hier um Schwule handelte, die nur wegen Dave Koz gekommen waren, der sich 2004 öffentlich outete. Ich könnte das jedenfalls nachvollziehen: Der Typ ist etwas mehr als eine Woche älter als ich, sieht aber wesentlich besser aus. Nur etwas klein isser… Und tatsächlich ließ sich das Pärchen bei Koz’ Auftritt zu einem Verziehen der Mundwinkel und ein paar Klatschbewegungen hinreißen. Weiß jetzt nicht, ob das meine These bestätigt.
  • Club des Belugas war irgendwie ein Missverständnis. Nicht, dass die schlechte Musik gemacht hätten, im Gegenteil. Aber es sprang kein Funke über. Die beiden Sängerinnen (gute Stimmen übrigens!) hatten bei meiner Liebsten und mir die Spitznamen „Nilpferd“ und „Huschtuss“ sicher, was einerseits von unserer hoffnungslosen sexistischen Intoleranz, andererseits aber auch vom Charakter des Auftritts zeugt.
  • Michael Lington labert etwas zu viel.
  • Die meisten Künstler machten mir den Eindruck, extrem unterfordert zu sein. Auf die fantastische Begleitband, das „Heavy Mellow Quartet“, traf das sicher auch künstlerisch zu, keinesfalls aber konditionell: Die haben so um die zwei mal vier Stunden auf der Bühne gestanden und mussten sich auf unterschiedlichste Besetzungen einstellen.
  • Ich mag es, wenn Künstler wie beiläufig ihre Professionalität unter Beweis stellen. Das betrifft die „Heavy Mellow“-Quartettler, aber auch die unterschiedlichen Konstellationen der Solomusiker, die nur ein paar Fingerzeige untereinander brauchen, um eine mitreißende Show zu erzeugen.
  • Die „Stars“ zeigten sich ganz normal im „offiziellen“ Hotel des Festivals am Frühstücksbuffet. Ich empfand es als angenehm, dass sie da nicht von jedem angelabert wurden.
  • Das hatten sie verdient, so sympathisch, wie sie alle auch auftraten, on stage und off stage.
  • Das Ganze wurde im wesentlichen von einem Mann organisiert: Christian Bößner. Ich kenne den nicht persönlich, aber er fiel mir gleich am ersten Tag als derjenige auf, der die Fäden in der Hand hielt. Was der und sein Team an dem Wochenende geleistet haben, nötigt den allergrößten Respekt ab.
  • A propos: Der Ansager versuchte es mit einer amerikanischen Wortwahl. Aber „fantastisch“, „sensationell“, „super“ und „einmalig“ klingt auf Deutsch nur extrem bemüht.

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