Hugh Masekela in Karlsruhe
Verfasst von unfrisiertes am Mai 16, 2009
Hugh Masekela? Nie gehört.
Doch, bestimmt. Wenigstens „Grazing In The Grass“ kennt jeder.
Aber die Geschichte hinter dem Mann ist eine viel buntere, die er in seiner Autobiographie „Still Grazing“ schildert und die in Wikipedia knapp umrissen wird. Hier nur soviel: Masekela ist – wie auch Abdullah Ibrahim, der mich in Frankfurts Alter Oper fasziniert hat – einer der Pioniere des schwarzen südafrikanischen Jazz. Und auch er musste 1961 ins Exil gehen. Zwischendurch war er sogar mit der berühmten Sängerin Miriam Makeba verheiratet. Als Masekela sich in der amerikanischen Jazz-Szene umtat, begegnete er auch Miles Davis. Und dieser, man kann es sich als Bewunderer von Davis in der Art und Weise ausmalen, gab ihm den entscheidenden Wink:
„If you are going to play jazz, you are just going to be one of us. But you got shit, that we don’t have.“
Das Ergebnis lautete also „Play your own shit!“. Und wie immer hatte Miles Davis recht. Seitdem gilt Masekela als *der* Vertreter des Musikstils Mbaqanga, der Zulu-Traditionen mit Soul-, Jazz- und Pop-Einflüssen verbindet.
Inwzischen lebt Masekela natürlich wieder in Südafrika. Aber er hat seinen politischen Geist nicht verloren und erinnert auf seinen Konzerten weiterhin an alle Menschen, die von Krieg und Verfolgung heimgesucht sind. Auch die Texte seiner Stücke, die man als Mitteleuropäer leider nicht alle versteht, beschäftigen sich oft mit politischen oder sozialen Problemen. Was aber wieder typisch für Afrika und damit auch für Masekela ist: Das politische und soziale Engagement widerspricht nicht dem Anspruch, über anderthalb Stunden eine Atmosphäre voller positivem Lebensgefühl zu schaffen.
Das Tollhaus in Karlsruhe war sichtlich stolz, die 70jährige Legende in seinen Räumlichkeiten begrüßen zu dürfen. Das Publikum war gemischt, aber sehr viele, die ihr dreißigstes Lebensjahr noch nicht erreicht hatten, gab es nicht. Mich hatte, obwohl ich vor dem Konzert von Masekela nichts kannte (ich wusste auch nicht, von wem „Grazing In The Grass“ war), wegen der Beschreibung seiner Musik gewundert, warum der Saal bestuhlt war, und ich muss sagen, das Tollhaus hätte keine schlechtere Entscheidung treffen können. Wer angesichts des fortgeschrittenen Alters des Bandleaders mit einem geruhsamen Abend gerechnet hatte, wurde enttäuscht. Masekela kann nicht anders, er muss zu seiner Musik tanzen, und wer bei konstant groovenden afrikanischen Rhythmen auf seinem Stuhl sitzen bleiben will, wie die guterzogenen Deutschen in Karlsruhe, hat eine sehr harte Zeit. Vielleicht sollte man noch erwähnen, dass er von einer Band junger afrikanischer Musiker begleitet wurde.
Es war jedenfalls ein rundum gelungener Abend. Africa meets Jazz, das ist für mich das Höchste überhaupt, da wächst sehr offensichtlich zusammen, was zusammen gehört. Dazu kamen noch die sehr persönlichen Ansagen von Hugh Masekela, insbesondere seine Schnurre von seiner Herkunft aus Stuttgart (!, das in Karlsruhe!), mit der er auf spielerische Weise Klischees erledigte. Zwischendurch instruierte er das Publikum, wie am besten mitzusingen sei, und wir ließen uns nicht lange bitten. Jedenfalls können wir jetzt auch singen, wie man in Soweto „Achtung, Polizei!“ ruft… Zum Schluss war es soweit: Auf Masekelas Kommanda, wie sich das für Deutsche gehört, sprangen alle auf und tanzten zur Musik, sofern sie sich nicht zu cool dafür vorkamen (Vorrecht der Jugend).
Leider gab es nur eine Zugabe, aber ich kann nicht behaupten, zu kurz gekommen zu sein.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich die Begegnung mit Hugh Masekela zu einem meiner beeindruckendsten Erlebnisse zähle. Er hat meinem Leben etwas hinzugefügt, das ich nicht genau beschreiben kann, das mich aber auch nicht los lässt.