Abschied
Verfasst von unfrisiertes am März 7, 2007
Besonders tief war sie nie, die emotionale Bindung zu dir. Das hatte vielleicht auch etwas damit zu tun, dass du beruflich besonders in Anspruch genommen wurdest, als ich noch sehr klein war. Aber ich wusste immer, dass ich mich auf dich verlassen kann. Deine Unfähigkeit zu lügen, dein Pflichtbewusstsein, deinen Einsatz und deine Hilfsbereitschaft habe ich sogar bewundert. Wer es nicht wirklich konsequent darauf anlegte, konnte es sich mit dir gar nicht verderben. Deiner Firma gegenüber warst du stets loyal, und hätte deine Frau nicht sowohl dich als auch deine Chefs entsprechend angetrieben, wärst du wohl aus lauter Gutmütigkeit auf einem schlechtbezahlten und arbeitsreichen Job sitzen geblieben.
Ich werde nie vergessen, wie du noch im hohen Alter neugierig warst aufs Internet und auf meine Jazz-CDs. Letztes Weihnachten hast du mir sogar auf deinem Klavier richtig etwas vorgejazzt - das heißt, du hattest dich eingelassen auf diese für dich fremde Art, Musik zu machen. Das bringen die meisten Menschen schon mit 30 nicht mehr. Gut, wir haben uns auch gerne heftig gestritten, bis die Fetzen flogen, aber wir konnten uns nie richtig böse sein. In Erinnerung wird mir auch bleiben, wie unerwartet locker du auf die erste große Schramme reagiertest, die ich als frischgebackener Führerscheinbesitzer in meinen neuen R5 gefräst hatte, der doch aus deinem sauer verdienten Geld bezahlt worden war. Solche Beispiele wirken mehr als jeder Werteunterricht.
Der Abschied von der Arbeitswelt war für dich ein Schock, den zu verarbeiten du erstmal ein Jahr Zeit brauchtest. Die Powerfrau an deiner Seite machte es dir auch nicht immer einfach. Als sie schwer krank wurde, hast du sie aber bis zu ihrem Tod unermüdlich und aufopferungsvoll begleitet. Das war schon eine ungeheuer erfolgreiche Symbiose, ihr beide. Mit einer anderen Frau fandest du in deinen letzten Jahren noch ein weiteres, spätes Glück, das ich dir so sehr gegönnt habe. Als die Zeichen sich mehrten, dass deine Zeit hier zu Ende geht, wählte der liebe Gott einen Weg, dich nicht mehr lange leiden zu lassen. Ja, auch den trotz aller Zweifel wie selbstverständlichen Glauben habe ich letztlich wohl dir zu verdanken - einer der Punkte, bei denen wir uns immer einig waren. Zu eigenen Enkeln hat es zu deinen Lebzeiten nun nicht mehr gereicht, aber die Enkel deiner späten Freundin hatten dich eh gleich als Opa adoptiert. So war es wohl immer bei dir - trotz Krieg, Gefangenschaft, unglücklicher erster Ehe und zu frühem Tod deiner zweiten Frau: Es gab stets einen neuen Weg für dich. Du hast es immer wieder geschafft. Und ich wüsste keinen, der es mehr verdient hätte.
Du warst und bleibst ein Beispiel für mich. Wir bleiben in Verbindung. Mach’s gut, Papa.
Veröffentlicht in Texte | 5 Kommentare »