Unfrisiertes

Unfrisiertes, Unreifes, Unüberlegtes

Eurovision Song Contest: Nachbarn, Bevölkerung und Migration

Verfasst von unfrisiertes am Mai 21, 2006

Die Songs können so unterschiedlich wie sonst etwas sein, dem Beobachter drängt sich bei der Stimmvergabe zum Eurovision Song Contest der Eindruck auf, die Abstimmenden in einigen Ländern würden bevorzugt die Punkte auf ihre Nachbarn verteilen bzw. einige Teilnehmer würden besonders von den Stimmen aus den Nachbarländern des Landes profitieren, für das sie starten.

Ich habe mal versucht abzuschätzen, wie stark das der Fall ist. Hier zunächst mal die originale Punkteverteilung:

Original

Dann habe ich bei allen abstimmenden Ländern einfach die Punkte für Nachbarländer gestrichen. In zwei Fällen bin ich vom besonders strengen Prinzip, nur die Länder zu nehmen, die direkt aneinandergrenzen (also nicht über ein Meer hinweg), abgewichen und habe sowohl Finnland und Estland als auch Russland und Armenien zu Nachbarn erklärt. Ich meine, die geografisch-kulturell-historische Nähe sollte das rechtfertigen.

ohne Nachbarstimmen

Wir sehen, dass in der Spitzengruppe vor allem Russland ungemein von Nachbarstimmen profitieren konnte und daher einen Rang verliert. Finnland aber scheint über alle Abstimmenden hinweg eindeutiger Favorit zu sein. Auch die Balkanländer haben sich gegenseitig reich beschenkt, es reicht aber nur dann zu einem Platz in der Spitzengruppe, wenn man wie Bosnien-Herzegowina auch viele Stimmen von den anderen Ländern bekommt. Ob das jetzt Geschmacksgrenzen sind, wie der Reporter meinte, oder einfach nur ein gewisses Gefühl der Nachbarschaft und Zusammengehörigkeit, lässt sich wohl nicht eindeutig sagen.

Dann habe ich mich gefragt, wie es denn aussähe, wenn die Stimmen nach Bevölkerungszahl gewichtet wären. Schließlich sagt es nicht viel über ganz Eurovisionsland als Einheit, wenn Monegassen genau so viele Punkte vergeben können wie Russen.

gewichtet nach Bevölkerung

Hier fallen zwei Veränderungen auf: Armenien schießt nach oben, Schweden stürzt ab. Armenien profititiert hier von den hohen Punktzahlen aus Russland und der Türkei, während die Schweden dort mit insgesamt 2 Punkten eher mickrig abschnitten (und auch aus Deutschland keinen Punkt bekamen).

Aus Jux und Dollerei habe ich auf von der gewichteten Tabelle nochmal die Nachbarstimmen ausgeschlossen. Das Ergebnis sehen wir hier:

gewichtet nach Bevölkerung, ohne Nachbarn

Armenien kann hier von der zahlreichen russischen Bevölkerung als Nachbar nicht profitieren. Besonders auffallend ist in dieser Tabelle der Aufstieg der Türkei, was sich damit zu tun hat, dass eigentlich noch eine dritte Motivation der Stimmverteilung isoliert werden müsste: die der Migranten mit Bindung an ihr Herkunftsland. Wenn diese dann noch insbesondere in bevölkerungsreiche Länder gezogen sind wie z.B. die Türken nach Deutschland, muss sich das in dieser Tabelle, die andere Einflüsse ignoriert, auch stark auswirken.

Auch bei Bosnien-Herzegowina habe ich den Verdacht, dass die Flüchtlingssituation als Nachklang des Bürgerkrieges für hohe Punktzahlen aus westeuropäischen Ländern über die Nachbarschaftshilfe hinaus führt.

Politische Deutung? Ich würde sagen: Vergesst mir Nationen und Kulturen nicht. Auch nicht in einem einigeren Europa.

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