Warum überhaupt ein eBook-Reader? Warum der Kindle?
Das “überhaupt” ist bestimmt eine Geschmacksfrage. Meinereiner ist jemand, der zu Hause die Schränke voller Bücher hat, und der gerne mehrere Bücher parallel liest mit der Folge, dass selbige in der Wohnung verstreut herumliegen. In einen eBook-Reader setze ich die Hoffnung, dass dieses Chaos auf den Reader beschränkt bleiben möge, und dass meine Neugier nicht zu weiteren Platzproblemen in der Wohnung führt. Bücher am PC zu lesen, empfinde ich als unangenehm: Da strahlt der Monitor zu hell, da ist die Sitzhaltung zu unflexibel und vor allem der Standort zu fixiert. Der, wie man heute so schön sagt, “ultimative Test” sieht bei mir so aus: Was ich lesen soll, muss auch auf dem Ort gelesen werden können, der für menschliche Verrichtungen zwar bekannt ist, dafür aber nur wenig gerühmt wird.
Und die Haptik. die Optik, nun ja: Ich gebe zu, dass ich kein Bibliophiler bin. Ich interessiere mich nicht für das Medium, sondern ausschließlich für die Botschaft und die mir genehmste Art, sie zur Kenntnis zu nehmen.
Aber ausgerechnet der “Kindle”? Gegenargumente gibt es genug:
- er beherrscht nicht das EPUB-Format, in dem in Deutschland kopiergeschützte Werke verbreitet werden
- er kann “von Geburt aus” kein PDF
- Amazon löscht
Widerrede:
ad 1.: Ich will gar keine in Deutschland kopiergeschützte Bücher auf mein eBook. Im Lauf der letzten Jahre hat sich herausgestellt, dass ich mich vor allem für Sachbücher interessiere, die von englischsprachigen Autoren verfasst wurden. Die kann ich mit dem Kindle im Original lesen, und das auch noch billiger. Und sollte es mal ein deutsches Verlagserzeugnis sein, kann ich mir auch direkt das Buch kaufen. Das trägt zwar nichts zur Lösung des Platzproblems bei, ist aber wenigstens auch nicht teurer, denn im Gegensatz zu den USA werde ich wegen der Buchpreisbindung in Deutschland nicht dafür belohnt, dass ich mit der elektronischen Lektüre weniger Ressourcen beanspruche.
ad 2.: PDF ist für eBooks nicht das Wahre. Dort brauche ich die Fähigkeit zur Anpassung an verschiedene Schriftgrößen oder Screens, die PDF als simulierter Druck eben nicht bietet. Und zur Not gibt es noch Konvertierungsmöglichkeiten (s.u.)
ad 3.: Haben sie einmal und wollen sie nach eigenem Bekunden nie wieder. Und wenn ich doch Angst davor habe, schalte ich eben den Funk ab und archiviere kräftig auf meinem PC.
Jetzt also zu den konkreten Erfahrungen und Erkenntnissen:<!–more–>
Am Samstag vor zwei Wochen bestellte ich meinen Kindle auf der entsprechenden Seite bei Amazon. Dass das alles in Englisch vor sich ging, sollte keinen schrecken, der sich anschickt, seinen Erwerb zum Lesen von vor allem englischsprachiger Texte zu verwenden. Der Spaß kostete mich 279$ (für das Gerät) + 20,98$ (für den Versand) + 57$ (für die Einfuhrabgaben) = 356,98$, was zum aktuellen Devisenkurs ca. 236 Euro entspricht und damit im Preisvergleich zu anderen eBook-Readern relativ günstig erscheint. Als Schmankerl kam dann fairerweise ein paar Tage später eine Erstattung von 20$, weil Amazon inzwischen die Preise gesenkt hatte. Somit kostet der Kindle einen deutschen Nutzer momentan ca. 222 Euro. Für die Zollabgaben inkl. Einfuhrumsatzsteuer bekommt man übrigens später von UPS eine Quittung zugestellt.
Am Mittwoch wurde das Gerät geliefert. Aus den USA – alle Achtung, da kann sich der alte Gilb manchmal noch eine Scheibe von abschneiden. Im Lieferumfang waren: eine rudimentäre Gebrauchsanweisung (“Getting started”), deren wichtigster Inhalt die Aufforderung ist, das Gerät zu laden, sowie ein USB-Kabel mit einem zusteckbaren US-Stecker. Man sollte die wohlmeinenden Hinweise, sich einen Steckeradapter US-Deutschland zu besorgen, aber ignorieren und sich gleich einen Adapter USB-Stromnetz besorgen, den man dann auch zum Aufladen von zig anderen Geräten im PC-Umfeld verwenden kann.
Nach dem Aufladen wird man mit einer ausführlichen Bedienungsanleitung auf dem Gerät selbst begrüßt. Ich kann die Kritik an der Bedienung des Kindle nicht recht nachvollziehen. Das eine oder andere Kommando mag nicht gerade intuitiv daherkommen, aber schwer zu merken ist das alles auch nicht, so dass sich in kurzer Zeit bei der Bedienung der Tasten und des “Trackquadrats” eine gewisse Routine einstellt. Die Darstellung hält, was diverse Besprechungen von eInk versprochen hatten. Im Prinzip entspricht die Lesbarkeit der auf Umweltpapier Gedrucktem. Man kann die Schriftgröße beeinflussen und ob man mehr oder weniger Wörter pro Zeile lesen will. Aber ein Fan von “Times New Roman” muss man definitiv sein, denn die Schriftart ist unveränderbar.
Das Angebot im Kindle-Store, der “out-of-the-box” erreichbar ist und keine Zusatzkosten auslöst, entspricht ungefähr den Erwartungen, aber man muss als deutscher Leser damit rechnen, dass Bücher, deren deutsche Urheberrechte nicht geklärt sind, einem auch in der US-Ausgabe nicht zugänglich sein werden. So konnte ich z.B. bisher das Buch “Superfreakonomics” dort nicht finden, obwohl es im Angebot von Amazon ist. Aber ansonsten funktioniert der Kauf eines Buches reibungslos. In den meisten Fällen kann man sich auch probeweise ohne Kosten das erste Kapitel herunterladen. Im Gegensatz zur US-Version verfügt der nach Deutschland gelieferte Kindle nicht über die Webbrowserfunktion. Aber über http://www.amazon.com/manageyourkindle ist der eigene Kindle mit dem eigenen PC konfigurierbar, und man kann so auch direkt über das Web Bücher kaufen, die dann bei Gelegenheit auf den Kindle übertragen werden. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist im übrigen reichlich fix – das Amazon-Versprechen von max. 1 Minute Downloadzeit scheint mir nicht unrealistisch zu sein.
Amerikaner können den Kindle auch als Browser nutzen – Deutsche aber nicht, bis auf das englischsprachige Wikipediaangebot. Der Grund dürfte in der Art des Netzzugangs liegen: Nachdem Amazon sich nicht mit deutschen Mobilfunkprovidern einigen konnte, nutzt es für den Kindle ein Roaming über AT&T, und das würde wohl reichlich teuer, ließe man diese Konstellation auf das komplette Web los, wo eben nicht nur Texte übertragen werden.
Nett finde ich das mitgelieferte New Oxford American Dictionary, das sich auch einfach zum Nachschlagen von Begriffen verwenden lässt, die in anderen Texten auftauchen.
Und, gaaanz wichtig: Es gibt viele Texte, die ohne Urheberrechtsbeschränkungen verteilt werden können. Einige davon sind auch in deutscher Sprache im Kindle-Format z.B. unter http://manybooks.net/language.php?code=de erreichbar.
Der Kindle versteht von Haus aus im Grunde nur das eigene .azw-Format sowie urheberrechtsfreies Mobipocket. Man kann aber z.B. HTML- und PDF-Texte per E-Mail an Amazon schicken, um sie ins .azw-Format umgewandelt entweder auf dem PC (kostenlos) oder dem Kindle direkt (gegen “geringes” Entgelt) wieder zur Verfügung gestellt zu bekommen. Vom PC lässt sich über den beigelegten USB-Anschluss alles an den Kindle übertragen.
Über den Kindle kann man zwei deutsche Tageszeitungen abonnieren: die FAZ und das Handelsblatt. Da ich langjähriger FAZ-Abonnent war, nahm ich das Kindle-typische Angebot wahr, die Zeitung 14 Tage lang zu beziehen. Obwohl für die internationale Version des Kindle beim FAZ-Abo wohl 10 USD mehr fällig werden, ist das zum aktuellen Dollarpreis noch ein Schnäppchen. Bei den Artikeln fehlen Schaubilder, Tabellen und Autorennamen, ansonsten ist das Angebot komplett. Und ich muss kein Papier durch die Gegend schleppen. Mal sehen.
Fazit: Wer auf aktuelle englischsprachige Werke und auf deutsche Klassiker steht, für den ist der Kindle einen Blick wert. Wer deutsche Bestseller will, sollte sich um ein Gerät bemühen, welches das Format .epub lesen kann.