Dieser Blogger ist nun nicht gerade ein begeisterter Fan des Wrestling, hat aber aufgrund bestimmter Lebensumstände irgendwann mal Kontakt zu dieser Mischung aus Athletik und Show aufgenommen und diesen seitdem nicht wieder verloren. Als Abonnent von "Sky Sport" (wegen der Champions League) bekommt er auch immer wieder die beiden Shows der WWE, "Raw" und "Smackdown", ins Haus geliefert, und auf Tele5 gibt es ja auch die Konkurrenz von der TNA ("Impact") zu sehen. Kleine Vorwarnung: Wer das Wrestling nicht mindestens halbherzig verfolgt und auch nicht beabsichtigt, sich damit zu beschäftigen, wird an den nachfolgenden Ausführungen keine Freude haben.
Ab und an gehen die Stars der WWE auch auf Europatour. Diesen Herbst war "Smackdown" dran, und es kam u.a. auch nach Frankfurt, und zwar am Samstag, dem 12.11.2011. Dieser Blogger wollte nach zahlreichen Stunden am TV jetzt auch mal dieses Wrestling live erleben und erstand deswegen für sich und seine Liebste, die für Männer in kurzen Hosen immer zu haben ist, zwei Eintrittskarten, deren Preis alles Gerede von Krise verstummen lassen müsste. Immerhin waren es keine der schlechteren Plätze. Lassen wir die Impressionen mit dem Warten auf den Einlass beginnen.
Die große Menschenmenge, die vor der Frankfurter Festhalle auf den Einlass wartete, wurde nur grüppchenweise ins Gebäude vorgelassen. Das erhöhte subjektiv künstlich die Wartezeit, obwohl es nach den Erkenntnissen der Stauforschung wahrscheinlich die beste Methode gewesen sein dürfte, eine große Zahl von Besuchern in den Saal zu schleusen. Das Publikum bestand überwiegend aus jungen Männern, aber auch alle anderen Bevölkerungsschichten waren zwar unterproportional, aber doch immerhin vertreten. Natürlich auch viele Kinder und Jugendliche. Dann aber fast ausschleßlich männlich. Die lange Wartezeit vor dem Gebäude ließ allerdings keinerlei Aggressionen aufkommen. Nicht der leisteste Pfiff, nicht auch nur die zarteste Unmutsbekundung waren zu hören. Wrestling-Fans sind anscheinend sehr friedliche Gesellen. Wahrscheinlich sorgt das Wissen, bald eine Illusion zu erleben, die nur durch eigenes Mitmachen erst zu einer solchen werden kann, für eine gewisse Gelassenheit gegenüber den Unbilden des Alltags.
Fangen wir mit den generellen Eindrücken an, bevor wir zu den einzelnen Kämpfen kommen:
Verglichen mit den Fernsehshows war diese Live-Show deutlich weniger bombastisch, weniger spektakulär. Schon die vom Fernsehen her gewohnte Auftrittsrampe war durch eine kleine und enge Sparversion ersetzt, die maximal ein wenig Lichtshow drauf hatte. Es mag auch an der Festhalle selbst gelegen haben und an der vergleichsweise doch geringeren Zuschauerzahl (die ganz oberen Ränge blieben unbesetzt), aber im Vergleich zu dem, was an Stimmung aus den Fernsehshows herüberkommt, herrschte in Frankfurt eine eher sachliche Atmosphäre. Zwar gab es oft einzelne Versuche aus dem Publikum, Sprechchöre in Gang zu bringen, aber meistens konnte sich der Saal nicht einigen, gemeinsam einzustimmen, und besonders abwechslungsreich war die Mischung aus vereinzeltem Klatsch-Stakkato, "Let’s go [hero]" und Buh-Rufen auch nicht. Erst mit den Stars Sheamus und Randy Orton kam so etwas wie allgemeines Mitfiebern auf. Und ob sich der Typ, der nur wenige Reihen unterhalb dieses Autors konsequent alle "Heels" bejubelte und anbetete, sich für besonders originell hielt, wissen wir auch nicht. A propos "Heels": Der Gegensatz "Face" – "Heel" wurde in der Liveshow sehr stark hervorgehoben, im Grunde schon überzeichnet. Während in den Fernsehshows mittlerweile durchaus auch Ambivalenzen zugelassen werden, war die Sache in Frankfurt eindeutig. Und wenn schon nicht die Fans Bescheid wussten und den jeweiligen Wrestler mit Beifall oder Buhrufen begrüßten, machte der jeweilige Akteur deutlich, auf welcher Seite er stand. Die "Faces" lächelten, klatschten Hände ab und nahmen bereitwillig Deutschland-Fahnen entgegen. Die "Heels" schritten missmutig zum Ring, zerfetzten selbstgebastelte Pappschilder der Fans oder hielten Reden, in denen sie das Publikum beleidigten. Und wenn dann eine Gestalt wie Randy Orton auf dem Weg zum Ring nicht den Everybody’s Darling gab, so wurde sein Opponent eben noch böser dargestellt, damit die Sache klar blieb. Auch das Selling schien deutlich betonter zu sein als gewohnt. Was noch zu bemerken wäre: So nah am Ring sieht man das Gespielte besser. Wenn Schläge mehrere Zentimeter neben ihrem Ziel landen, fällt das am TV mit dem richtigen Winkel nicht so auf.
Ganz allgemein schien es so, als befände sich die WWE hier auf der Mission, den ungläubigen Germanen die Grundbegriffe des Wrestling beizubringen. Und trotzdem wurde fast nur Englisch gesprochen… Aber das gilt heutzutage wohl nicht mehr als Gegensatz.
Die Kämpfe begannen mit einem "Triple Threat Match" zwischen Daniel Bryan, Justin Gabriel und Tyson Kidd. Kidd war schnell als "Heel" identifiziert, weil er des öfteren fluchtartig den Ring verließ oder Verletzungen vortäuschte. Die beiden anderen blieben in der "Face"-Rolle. Dieses Match blieb als das temporeichste des ganzen Abends in Erinnerung. Was da an Action geboten wurde, war schon sehr ordentlich. Am Schluss gewann Daniel Bryan. Dieser wurde fair von Justin Gabriel beglückwünscht, nur Tyson Kidd hatte wieder etwas zu mosern, was dann zu einem umjubelten Salto-Splash Gabriels auf den am Ringboden liegenden Kidd führte. Kaum war klar, dass der Kampf nicht mehr weiteging, strömten Kompanien von Kids von ihren Sitzplätzen zum Gang zwischen Ring und Auftrittsrampe, um Händedrücke und Autogramme abzusahnen. Das sollte sich während des gesamten Abends fortsetzen.
Im zweiten Kampf trafen Brodus Clay ("Heel") und Ted DiBiase ("Face") aufeinander. Der Gegensatz zwischen Monster und Techniker war zwar eine nette Idee, kam im Match aber nicht richtig zur Geltung. Am Schluss gewann Brodus Clay.
Einen der Teilnehmer des dritten Kampfes, nämlich Ezekiel Jackson, erklärte meine LIebste zu ihrem Favoriten, vermutlich wegen der Auftrittsmusik (ein Rapsong) und des muskulösen Gesamtkunstwerks. Da passte es, dass Jackson letztlich auch den "Heel" JInder Mahal besiegen konnte. Ein recht unterhaltsames Match.
Im nächsten Match kam es zur Konfrontion Sin Cara – Yoshi Tatsu. Dachten zunächst alle, aber nach dem spektakulären Sprung in den Ring entpuppte sich "Sin Cara" als der falsche "Sin Cara" namens "Húnico". Der gewann dann auch. Leider bot Tatsu nicht viel mehr als eine Karatesimulation. Den konnte man im TV schon ganz anders erleben.
Vor der Pause dann der erste Höhepunkt: Nachdem sich Christian während der Tour verletzt hatte, lag es an Wade Barrett, den Gegner des vielumjubelten Sheamus zu geben. Das passte natürlich: Ire gegen Engländer. Diesem Autor hat der Kampf sehr gut gefallen, obwohl der "Keltische Krieger" nicht gerade ein begnadeter Techniker ist, aber es ging zwischen den beiden ständig hin und her, so dass es z.B. niemanden wunderte, wenn der Ansatz zum "High Cross" fehlschlug. Letztlich gewann dann doch "Face" Sheamus gegen "Heel" Barrett mit einem seiner typischen hohen Kicks. Für die Show war das perfekt, und Sheamus kam danach aus dem Autogramme-Schreiben kaum noch raus, aber die sowohl athletisch als auch showtechnisch anspruchsvollere Leistung kam dann doch von Barrett, der bei seinem Abgang den geprügelten Hund gab.
Nach der Pause durften dann auch mal die "Diven" ran. War ganz nett, und diesmal griff sogar die "Ringrichterin" Aksana ein, um dem "Heel" Natalya nach ihrem gegen "Face" Alicia Fox verlorenen Match den Rest zu geben.
Der nächste Höhepunkt des Abends folgte dann im "Street FIght"-Match Randy Ortons gegen Cody Rhodes. Letzterer gab sich große Mühe, das Publikum gegen sich aufzubringen. Dazu hatte er sogar ein paar deutsche Sätze gelernt wie z.B. "Deutschland ist ein Witz!". So war der Weg frei für den mimisch eher beschränkten Randy Orton, als "Face" mit dem Publikum im Rücken trotz eines Fehlversuchs dann doch den in Sprechchören geforderten "RKO" anzubringen. Noch während beide Kontrahenten in der Luft waren, strömten die Kids wieder zum Gang… Und Orton gab sogar Autogramme. Insgesamt ein wiederum sehr unterhaltsames Match, schon allein deswegen, weil hier endlich mal die berühmt-berüchtigte metallene Ringtreppe und andere Utensilien zum Einsatz gebracht wurden.
Als "Main Event" des Abends war das Match zwischen Big Show und Mark Henry um den "World Heavyweight Title" angekündigt, und man kann sagen, was man will, aber in Smackdown gibt es keine anderen, die diesem Titel seine angemessene Bedeutung verleihen könnten. Die beiden Fleischberge marschierten also in den Ring mit klar verteilten Rollen (Henry Plakate zerfetzend, Big Show Hände abklatschend), wo sie überwiegend ein Gleichgewicht der Kräfte inszenierten, allerdings ab und zu mit einem besseren Ende für einen der beiden. Bewundernswert, wie beweglich sich beide, insbesondere Big Show, noch erwiesen. Das Ende des Kampfes war nicht schwer vorherzusagen: Der Titel durfte den Besitzer natürlich nicht wechseln, schließlich ist die "echte" Auseinandersetzung zwischen Big Show und Mark Henry für das nächste PPV vorgesehen, aber natürlich muss auch das Interesse des Publikums befriedigt werden, den "Guten" siegen zu sehen. Was macht man in einer solchen Situation? Genau: Sieg für Big Show durch Disqualifikation, denn das führt nicht zu einem Wechsel des Titels, wie dieser Blogger seiner Liebsten in weiser Vorausschau noch während des Matches erklärt hatte. Und er ist auch Mark Henry für die zum Abbruch führende Aktion wirklich dankbar. Ein Wrestling-Abend ohne einen einzigen Einsatz eines Klappstuhls wäre ein verlorener Abend gewesen.
Als großes Finale stürmten dann Cody Rhodes und Wade Barrett in den Ring und attackierten zusammen mit Mark Henry den armen Big Show. Doch es dauerte nicht lange, und die Super-"Faces" Randy Orton und Sheamus kamen dem "größten Athleten der Welt" zu Hilfe und warfen die "Bösen" aus dem Ring. Zum Schluss bekam Mark Henry von der Gemeinschaft der "Guten" jeweils einen Faustschlag ab, natürlich zum Schluss den "Precision Strike" Big Shows, der diese Auseinandersetzung und den gesamten Abend beendete. Und Autogramme der "Faces" gab es wieder reichlich. Zum Schluss bekam sogar der Kleine in der Reihe vor uns endlich seine Unterschrift von Sheamus, die ihm bei dessen Solo-Auftritt noch verwehrt wurde. Der Abend und damit der Tag waren also gerettet.